Texte / Rezensionen

Peter V. Brinkemper
Ute Behrend: Small Silent City

Fotografie sei nicht im Stande zu erzählen, so lautet ein landläufiges Vorurteil. Das bildliche Medium, zumal das unbewegte Einzelbild füge einem Text, einer gedruckten Information, Analyse oder einer Geschichte keine weitere Dimension hinzu, es könne sie allenfalls illustrieren. Andere behaupten dagegen, dass sich wahre, aber auch inszenierte und fiktive Begebenheiten, Geschichten und Erzählungen sehr wohl in prägnante Momente verdichten, in plastische Szenen und übertragene, poetische Bilder, die von sich aus bereits zur Visualisierung tendieren.

Ute Behrend verbindet in ihren Bildpaaren die prosaische Schilderung mit der poetischen Inszenierung. Die Schilderung setzt ein in der Bestandsaufnahme und Beschreibung der Bildgegebenheiten, doch sie geht durch subjektive Reflexion und kommentierende Brechung weit darüber hinaus. Die poetische Inszenierung wiederum nimmt die Situation, die sich als Bild ergibt oder zwischen möglichen Bildern andeutet, als Konstellation einer Idee, ohne die Bildinhalte bloß als gestelltes Arrangement zu verwerten.

Die Spannweite der Assoziationen reicht vom Realen und Alltäglichen bis zum Un- und Außergewöhnlichen, vom Naheliegenden bis zum Weithergeholten, vom Unerklärlichen bis zum Absurden, vom Imaginären bis zum Phantastischen, vom Naiven, Unmittelbaren bis zum Reflektiert-Sentimentalen. Sie wird aus der Energie der Bildpaare, ihrer Ikonen, visuellen Elemente, Haupt- und Nebenmotive heraus zu einer greifbaren und emotional nachvollziehbaren Erscheinung verdichtet. Visuelle Duette mit Empfindsamkeit und Weitblick, Nachsicht und Humor.

Die fotografische Abbildung und Erzählung sind bei Ute Behrend keineswegs starr, sondern in einem System von Tätigkeiten aufgefächert: Ihre schlummernden oder bereits ausgebrüteten Bildideen nähren sich aus der genauen Beschreibung von Objekten und ihrer divergenten Erscheinung, aus der stillschweigenden Schilderung von Situationen, der subtilen Charakterisierung von Perspektiven und Standorten, der Erschließung von fingierten und realen Ansichten, dem Anlegen von einfühlsamen, lebendigen Porträts. Auf diese Weise gelangt die Künstlerin zu einem Verbund von bildübergreifenden Haupt- und Nebenmotiven, welche die sprechende Begegnung der Bilder in Paaren ausdrücklich oder beiläufig, assoziativ oder zwingend gelingen lässt.

Entscheidend für den Stil von Ute Behrend ist der Verzicht auf von außen erzwungene Übertreibungen, was eine gelegentliche naturalistische Drastik oder emotional-literarische Symbolik innerhalb der Bildwelten und Porträts nicht ausschließt. Die Logik der Bilder besteht darin, Sehen und Handeln, Beschreiben und Behaupten, Erzählen und Fabulieren, Wahrscheinliches und Außerordentliches miteinander glaubwürdig oder paradox zu verbinden. Behrend sammelt, konstruiert, komponiert und montiert unentwegt, um ihren Bildern und Bildpaaren ein visuelles, dramaturgisches und literarisches Relief zu geben. Auf diese Weise verdeutlicht Behrend, wie aus dem Einerlei des Alltags und der Unscheinbarkeit der Erfahrung sich ein Fundus von Prägungen für die Phantasie, Imagination und Lebenskunst ansammelt.

Die dampfende Präsenz und die abgenutzte Schönheit vorgefundener Lebewesen und Modelle, die Entlegenheit der Dinge und die Verstiegenheit der Personen – all dies bewahrt Behrend vor dem falschen Pathos eines kitschigen Märchenlandes und einer hermetischen Erlebniswelt, in der die Wünsche jederzeit allzu willige Feen fänden. Der spielerische Weltzugang der fotografierten Motive verarbeitet den Druck und die Rauheit des quengeligen Alltags, um der Normalität in ihren kleinen und großen Gegenwelten eine poetische Wendung zu geben, die aus der Logik des Gegebenen oder der Absurdität des Kontrafaktischen erwächst.

Die Bildpaare folgen der Logik "klein/groß", "small/City", ohne die Richtung der Interpretation vorzugeben. Die Aufmerksamkeit für das Kleine wie das Große, überraschende Vorkommnisse der Verkleinerung und Vergrößerung sind hier relative und reversible Prozesse, sie funktionieren wie eine wechselnde psychische Bildschärfeneinstellung. Anfang und Ende könnten in jedem der Bilder enthalten sein, und die stille Mitte („silent“) der Geschichte bleibt in der Lücke der lakonischen Erzählung verborgen, um vom Zuschauer stellvertretend für die kleinen Helden und Heldinnen der fragmentarischen Fotoromanzen ergänzt zu werden. Die visuelle Umsetzung der Bildpaarungen enthält immer einen suggestiven Anstoß, die unterschiedlichen Perspektiven und Motive der Aufnahmen gegeneinander abzugleichen und den engen oder weiten narrativen Faden darin aufzunehmen. Indem Ute Behrend der nüchternen Bestandsaufnahme der Dinge und der feinen Charakterisierung der Personen den Vorrang einräumt, indem sie Subjekt und Objekt in ihrer Wörtlichkeit atmen und in ihrer Metaphorik von sich selbst singen lässt, verzichtet sie auf vorgefertigte Inszenierungen und simple Deutungsmuster. Sie setzt auf die unverstellte Performativität der Sachen und der Menschen. Sie weist auf Spuren hin, liefert Andeutungen, eröffnet Einblicke und erschließt Möglichkeiten. Aber sie legt kein fertiges Skript vor. Dadurch bewahrt jedes einzelne Bild, jede Szene das eigene Gewicht. Der Betrachter stößt auf Stein und Beton, Efeu und Plastik, begegnet Krokodil, Frosch, Schwan und Polizist; und gerät in die Position des kindlichen Forschers und des erwachsenen Interpreten, der das „Rätsel“ der bildgewordenen Geschichten, die Balance von Augenblick und Lebensalter, Natur und Technik, Gesellschaft und Architektur immer wieder neu erfinden und erkennen muss, um die erzählerischen Versionen und Varianten in ihren Korrespondenzen, Widersprüchen und Paradoxien auszukosten.

Bei Ute Behrend plaudert die Fotografie nicht aus, weil sie als Reportage aus dem Vergnügungspark für kleine Leute nichts weiter zu erzählen hätte. Das bildliche Medium, das nicht bloß bebildert, sondern sich einfühlt, kann den ihm eigenen Text, die implizite Szenerie und Geschichte nur in subtilen Fragmenten und wohl dosierten Andeutungen vermitteln, aus dem Dickicht des Alltags und über ihn hinaus, bis an den Horizont der Sehnsüchte, eine Story, die nicht nur ein Märchen wäre und die die Verwandlung der gewöhnlichen Dinge wie ein dringend erwartetes Wunder im Hier und Jetzt wahrnähme. Die Prägnanz guter Bilder ist auch in der Fotografie abhängig von der nicht sogleich entschlüsselbaren Poesie des Augenblicks.

Peter V. Brinkemper, Januar 2007


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