Texts / Reviews

Christoph Ribbat
Eins ist die einsamste Nummer

»In der Fotografie«, sagt Jeff Wall, trete »die wortlose, anonyme Poesie der Welt zuerst, ja wahrscheinlich zum allerersten Mal zu Tage.« Ihre Schönheit wurzle »in der großen Collage, als die sich das tägliche Leben darstellt: jene[r] Kombination völlig konkreter und spezifischer Dinge, die, von allen und niemandem geschaffen, greifbar werden, sobald sie sich zu einem Bild fügen.«1

Er hat recht, tatsächlich. Die »wortlose, anonyme Poesie«, die »große Collage«, all die »konkrete[n] und spezifische[n] Dinge«: Von ihnen handelt, aus ihnen entsteht – einzigartig, süchtig machend, lässig, mächtig, improvisiert – die Fotografie. Und von ihnen handelt, aus ihnen entsteht das Fotobuch, diese magische Mischung aus Film, Roman und Familienalbum, die wir jetzt erst so richtig zu würdigen wissen.2

Seltsam ist es nur, daran zu glauben, dass sich die Dinge, Räume und Gesichter des täglichen Lebens, wie Wall es sagt, zu genau »einem Bild fügen« könnten. Noch bemerkenswerter ist, dass sich in der zeitgenössischen Fotokunst eine so bedeutende Strömung weg bewegt hat vom fantastischen Charme der Bild-Erzählung und sich eher für nüchterne Solitäre an der Wand interessiert und
für eine Perspektive aus der sicheren Distanz. Gerade die prominen­testen, mit Geld und Ruhm am meisten überhäuften Fotografen neigen zum aristokratischen Minimalismus. Sie arbeiten am aufgeräumten, gigantischen Einzelbild, das hervorragend in aufgeräumte, gigantische Museen passt. Oder sie widmen sich der systematischen Reihe. Das Einzelne wird als, hmpfh, Phänotyp konstruiert, der in der Serie hervortritt: Einkaufszentrum, Bibliothek, immer aus dem gleichen Blickwinkel, immer im gleichen Licht. Auch Jeff Wall schließlich traut dem von ihm gepriesenen Zufall nicht über den Weg und inszeniert seine Tableaus lieber selbst. So schafft er von ihm selbst angeordnete Unordnung, inklusive jener konkreten Dinge und ihrer wortlosen Poesie.

Erstaunlich ist all dies, weil sich solche künstlerischen Praktiken eindeutig ab­setzen von der anderen, der alltäglichen Schnappschusswelt der Foto­grafie. Sie entfernen sich, möglicherweise bewusst, von uns, den Laien, die foto­grafische Bilder eher selten als einzelne Prachtexemplare wahrnehmen und ihnen zumeist als Paaren, Gruppen, Haufen begegnen: à la vorher-nachher, hier-war-ich-dort-und-da-war-ich-da, guck-mal-dies-an-und-jetzt-guck-mal-das.

Vielleicht erschrecken diese freilaufenden Bilderherden manch fotografierenden Künstler, weil sie die Sauberkeit seiner Methode gefährden. Im Alltag trifft das Simple auf das Dekorative. Das Zarte begegnet dem Gefährlichen. Das Wider­liche verschränkt sich mit dem Süßen. Im Alltag ergeben Bilder Geschichten. Sie haben feste Bedeutungen. Sie haben symbolische Kraft. Das ist schwierig zu ertragen, wenn man jemand ist, der das fotografische Bild als geheimnis­volle Monade begreift, die, schweigsam und perfekt, nichts um sich braucht als leeren Raum (und davon reichlich).

Ute Behrends Arbeiten sind allerdings anders. Sie kommen zu zweit. Immer zu zweit. Das, was man sieht und das, was es bedeuten könnte: Behrend legt beides in ihre Bilderserien hinein, statt es sorgsam auseinander zu sezieren. Sie hat weder vor Unordnung Angst noch vor Dekoration, Ornament, Kinder­augen, rosa Blüten, türkisen Morgenmänteln, Gummibäumen, gepiercten Brustwarzen, Rottweilern, Blutlachen. Sie fotografiert im Privaten, aber es ist ein undefinierbares Privates, in einer Zeit circa heute, in einem Raum zwischen Großstadt und Umland und Urlaub, einer Generation zwischen Jugend­lichkeit und der Mitte des Lebens. Der Blick schwankt immer zwischen dem einen und dem anderen Bild. Er vergleicht, kontrastiert, vermengt. So entstehen Minigeschichten, die links beginnen und rechts enden oder rechts beginnen und links enden. Oder zu längeren Geschichten werden, über mehrere Bilder hinweg – zu Geschichten, die Zweige treiben, Blätter, Blüten.

Bloß keine Geschichten, bloß keine Pflanzen, sagen dann die kühlsten Minimalisten. Bloß kein Minimalismus, sagt sich Ute Behrend. Gewucher muss man aushalten. Photosyn­these, 6 CO2 + 6 H²O → C6H12O6 + 6 O2, das Umwandeln von Licht in Grünzeug, das sich dann über die Flächen legt und durch die Leere wächst: Keiner kann so tun, als gehöre das nicht zur »großen Collage«. Deshalb ist Eins die einsamste Nummer, tatsächlich, weil sie der Unordnung nicht gerecht wird. Ein Bild wäre zu wenig, eine typologische Serie zu streng, eine Inszenierung zu klinisch.

Die Kraft dieses Ansatzes belegt auch Ute Behrends Videokunst, stets zweigespalten, wie ihre fotografischen Arbeiten. Zu Beginn ihres Videos »Mermaids« etwa strahlt im linken Bild die Sonne durch ein Loch in den bleiernen Wolken und im rechten singt eine Frau vor einer nackten Wand einen Harry Warden/Mack Gordon-Song, den man quasi nur von Chet Baker kennt (»…the more I see you, the more I want you / Somehow this feeling just grows and grows…«) und vielleicht weil diese Frau das so gut, aber unprätentiös singt, fast so unprätentiös wie Chet Baker selbst, und weil die Sonne wirklich manchmal so durch das Grau sticht, man weiß es ja selbst, und weil über die Tonspur noch das Meer rauscht und erst Kinderstimmen irgendetwas besprechen und sich dann entfernen, und weil plötzlich ein Vogel vor den Wolken durch das Bild fliegt und dann nicht mehr da ist, weil all das so ist, scheint es für einen Moment so, als würde es nichts geben außer diesen Wolken, dem Rauschen, diesem Licht, und dem Lied, wie es gesungen wird, und dem Lied, wie man es erinnert, und dem Vogel im Flug und dem geflogenen Vogel und den Stimmen und der Stille danach.

Und hier wird klar: Der wahre Purismus ist der, der den noise mit aufnimmt. Der also das, was wir jetzt sehen, genauso zeigt wie das, was wir erinnern: die Stimme und das Rauschen, den Augenblick und sein Feedback. Ute Behrends fotografische Reihen machen das haptisch erfahrbar, legen diese Kom­bi­nationen in deine Hände, im Fotobuch, dem Speicher schlechthin für das, ­was Jeff Wall »anonyme Poesie« nennt. Schau nach rechts. Schau nach links. One is the loneliest number that you’ll ever do.3


1 Zitiert in: Kaja Silverman, »Totale Sichtbarkeit«. Jeff Wall: Photographs. Köln 2003. S. 97–117; hier S. 111.
2 Vgl.: Martin Parr und Gerry Badger, The Photobook: A History, Vol. I & II. London 2004/2006;
Andrew Roth, ed., The Book of 101 Books: Seminal Photographic Books of the Twentieth Century. New York 2001.

3 Aimée Mann, »One«. Magnolia: Soundtrack. Warner, 2000. CD (Text & Musik: Harry Edward Nilsson, 1968).

English Text

Christoph Ribbat
One is the loneliest number

»In photography«, says Jeff Wall, »the unattributed, anonymous, poetry of the world itself appears, probably for the first time«. Its beauty »is rooted in the great collage which everyday life is, a combination of absolutely concrete and specific things created by no-one and everyone, all of which become available once it is unified into a picture«.1

Actually, he’s right. The »unattributed, anonymous poetry«, the »great collage«, all the »concrete and specific things«: these are what photography—unique, addictive, casual, potent, improvised photography—deals with and what it is de­rived from. It is what the photobook deals with and is derived from, this magical admixture of film, novel and family album, which only now we have really come to appreciate.2

However, it is strange to believe, as Wall apparently does, that the things, spaces and faces from everyday life have the capacity to be »unified into« a single picture. Even more remarkably, a significant movement within contem­porary photographic art has distanced itself from the fantastic charm of the
pictorial narrative and become more interested in the rather sober solitaires on the wall and the perspective from a safe distance. It is precisely the most prominent photographers, inundated with money and fame, who tend towards aristocratic minimalism. They labour on the uncluttered, gigantic single picture for the uncluttered, gigantic museum. Alternately, they devote themselves to the systematic sequence. The individual element is constructed as a—hrrumpf—serial phenotype: shopping centres, libraries, always viewed from the same angle, always in the same light. Even Jeff Wall ultimately doesn’t trust his much vaunted accident, preferring to stage his tableaux himself. In this way he creates disorder ordered by himself, including those concrete things and their unattributable poetry.

All of this is astonishing because such artistic practises clearly differentiate themselves from the other, everyday, snapshot world of photography. They distance themselves, possibly consciously, from us, the lay public who very seldom perceive photographic images as monumental individual entities, mostly encountering them in pairs, as groups, in heaps: along the lines of before-and-after, this-is-me-here-and-this-is-me-there, look-at-this-and-look-at-that.

Perhaps these free-range herds of images intimidate many a photographic artist because they threaten his sanitary method. In everyday life the simple bumps into the decorative, the delicate encounters the dangerous, the repulsive links arms with the delectable. Images generate narratives. They have firm sets of meanings. They have symbolic value. This is difficult to countenance if you view the photographic image as a mysterious monad, which, silent and perfect, doesn’t require anything around it but empty space (and plenty of it).

Ute Behrend’s works are different, however. They come in twos. Always in twos. Instead of meticulously dissecting the dual components of what you see and what that might signify, Behrend infuses her series of images with both elements. She fears neither disorder nor decoration, neither ornament, children’s eyes, pink petals, turquoise dressing gowns, rubber plants, pierced nipples, rottweilers, nor pools of blood. She takes private photographs, but this is an undefinable kind of privacy, temporally localised as the present day, in a place situated somewhere between the city and country and vacation spots, of a generation between youth and mid-life. One’s eye oscillates between one and the other image. It compares, contrasts, combines, engendering in turn mini-narratives that start on the left and end on the right or start on the right and end on the left. Or they become long narratives encompassing several images—narratives that branch out, leaf, blossom.

For goodness sake no stories, no plants—say the coolest minimalists. For goodness sake no minimalism, says Ute Behrend. You have to cope with pro­lifera­tion. Photosynthesis, 6 CO2 + 6 H²O → C6H12O6 + 6 O2, the transformation of light into greenery that then spreads out over surfaces and grows into voids: nobody can deny that this is all part of the »great collage«. Therefore one really is the loneliest number, because it cannot do justice to disorder. One image wouldn’t be enough, a typological series would be too strict, a mise en scène too clinical.

Ute Behrend’s video art also testifies to the power of this approach—perpetually split in two, as is her photographic work. At the start of her video »Mermaids«, for example, the sun is shining through a gap in the heavy, grey clouds pictured in the image on the left and in the image on the right, in front of a blank wall, a woman is singing a Harry Warden/Mack Gordon-Song, which one recognises from Chet Baker’s version (» …the more I see you, the more I want you / Somehow this feeling just grows and grows …«) and perhaps because this woman does this so well, singing so unpretentiously, as unpretentiously as Chet Baker himself, and because sometimes the sun really does pierce through the grey canopy in this fashion, as indeed everyone knows, and because the sound of the surf can also be heard on the soundtrack and children’s voices can be discerned discussing something and then fading into the distance once more, and because a bird suddenly flies in front of the clouds across the image and then disappears, and because all of this is the case, it seems for a moment as if nothing else exists apart from these clouds, the sound of the surf, the light, the song, the way it is being sung and the way the song is remembered, and the bird in flight and the bird that has flown and the voices and the quietness that follows.

And at this point it becomes clear: true purism is the one that also incorporates the noise. It is the one that both shows what we see and what we remember:
the voice and the rushing sound, the moment and its feedback. Ute Behrend’s photographic series allow you to experience this haptically, laying these combinations in your hands, in the photobook, the ultimate storehouse for what Jeff Wall calls »anonymous poetry«. Look right. Look left. Look left. One is the loneliest number that you’ll ever do.3


1 Zitiert in: Kaja Silverman, »Totale Sichtbarkeit«. Jeff Wall: Photographs. Köln 2003. S. 97–117; hier S. 111.
2 Vgl.: Martin Parr und Gerry Badger, The Photobook: A History, Vol. I & II. London 2004/2006;
Andrew Roth, ed., The Book of 101 Books: Seminal Photographic Books of the Twentieth Century. New York 2001.

3 Aimée Mann, »One«. Magnolia: Soundtrack. Warner, 2000. CD (Text & Musik: Harry Edward Nilsson, 1968).

...nichts als des Schrecklichen Anfang

Dr. Kerstin Stremmel
Zimmerpflanzen von Ute Behrend

Der Titel von Ute Behrends Werkgruppe und ihrem gleichnamigen Buch könnte eine Anleitung zur sorgsamen Begrünung der Lebenswelt sein, ein Kompendium für üppig Blühendes. Zimmerpflanzen lassen sich, auch wenn die Zeiten der Orangerien vorbei sind, durchaus unter soziologischen Aspekten betrachten, selbst in Gartenfibeln ist davon die Rede, dass in den 1980er und 1990er Jahren angesichts der zunehmenden Umweltzer­störung die Innenraumbegrünung immer stärker in das Interesse rückte. Eine Flucht­bewegung wird also, möglicherweise, angedeutet. Sie scheint selten zu gelingen, die Untertöne stimmen skeptisch, eine Geigenfeige wirkt ähnlich aggressiv wie der Rottweiler auf dem Bild nebenan, der Umgang mit den Pflanzen ist nicht immer liebevoll, sondern erzählt von Ver­nach­lässigung (vertrocknete Palme) oder heilloser Geschmacks­verirrung (Chrysanthemen): Mitsamt ihren kleinen Plastiktöpfen wurden diese Blumen so in Hydrokulturen versenkt, dass sie wie Ertrinkende wirken.

Tatsächlich handelt es sich um eine Anleitung zum Sehen. Mit einem Blick ist es bei den Bildern, auf denen liebliche Motive, wie zartrosafarbene Blüten mit gelblich-grünem, fast phosphoreszierend wirkendem Blütenstand selten sind, nicht getan. Grund dafür ist unter anderem Behrends konsequente Entscheidung für Bildpaare, das eine Foto kommentiert oder konterkariert das andere, neben farblichen Korrespondenzen gibt es inhaltliche Bezüge, mitunter der drastischen Art.

Einer Sommerblumenwiese ist die Aufnahme zweier Pylonen zugeordnet, zwischen denen, unter einer dunklen Plane, Blut über den gepflasterten Boden läuft. Dass die Plaster­steine zudem wie in Kreuzform angeordnet sind, wird durch den gewählten Bildausschnitt betont. Das Blumenmotiv daneben bekommt durch diese ohnehin bereits als Einzelbild assoziationsstiftende Straßenszene eine gänzlich andere Dimension, versucht der Betrachter jetzt im Gegenblick das Gewirr der Pflanzen zu durchdringen, das auf einmal etwas Unheimliches bekommen hat, man denkt an die vorgeblich heile Oberfläche der Welt in David-Lynch-Filmen, unter der es brodelt, daran, wie in der Idylle das Umheimliche lauert und dass das Schöne manchmal nur des Schrecklichen Anfang ist. Bilder wie dieses machen deutlich, wie weit entfernt von Schnapp­schüssen ihre konzeptuelle Herangehens­weise ist; für die Motive, die vom Polizeialltag erzählen, waren, wie bei anderen Sujets auch, Recherchen nötig, um bestimmten Phänomenen auf den Grund zu gehen, von denen viele von uns nur die Überschriften in der Boulevardpresse zur Kenntnis nehmen.

Dieses Gefühl, dass hinter Fassaden der Abgrund lauern kann, wird durch die Mischung von Innen- und Außenaufnahmen verstärkt: eine blumengemusterte Gardine legt sich wie ein Schleier vor den Blick aufs Grün draußen, die oberen zwei Drittel des Bildes werden durch einen orangefarbenen Vorhang gänzlich verdeckt. Das Fenster ist nicht mehr das Fenster zur Welt, sondern verweist den Betrachter auf sich selbst zurück und verstärkt die Wirkung des zweiten Bildes, dessen Szenario in der Schwebe bleibt: Scheint der in der Hüfte abgestützte Arm der Frau einerseits Selbstbewusstsein auszudrücken, so ist der Griff des Mannes, dessen Hand den schmalen Oberarm umschließt, zu fest, um wie eine zärtliche Geste zu wirken – im Verborgenen blüht nicht die Idylle, sondern auch Gewalt und Aggression. Behrend macht sich bei Polizeieinsätzen und Sexmessen auf die Suche, findet Bedrohung oder zumindest Befremdliches aber auch in weniger klar einzuordnenden Situationen. Selbst der Blick auf ein Baum­haus, dessen einziger Zugang eine viel zu kleine Leiter zu sein scheint, kann  neben dem Torso einer Frau (Frau in rotem Kleid mit grünem Ballon) wie ein hermetisches Versteck wirken, unsere Lektüren können auch die Bildlektüre prägen, und es macht die Qualität der Arbeiten aus, dass die Schlussfolger­ungen jedem einzelnen Betrachter überlassen werden.

Manchmal entsteht auf diese Weise eine mit Wirklichkeit durchsetzte Poesie, die jenen vertraut ist, die Ute Behrends Werk kennen. Bereits in der Serie »Märchen«, in der auch klassische Märcheningredienzien wie Fliegenpilze, Wald­lichtungen, Spinnräder, Bären und Rehe auftauchen, verabschiedet Behrend das Realitäts­prinzip der Fotografie auf originelle Weise: Nichts ist nur was es scheint, die Fotografie ist zwar eine Spur des Dagewesenen, zugleich eröffnet sich ein Spiel mit Gesten und Erinnerungen über das hinaus, was vor der Kamera zu sehen war. Und all das geschieht ohne pompöse Inszenierungen, im Vertrauen auf ein Erinnerungsvermögen, das nicht nur im kindlichen Repertoire abrufbar ist. Es appelliert an Erfahrung, die beim Betrachten der Bilder körperlich spürbar wird: das Gefühl kopfüber zu hängen, während man sicher gehalten wird, Unbehagen beim Durchstreifen dichten Gebüschs, der Geschmack der Walderd­beeren, die direkt neben gefährlichen Fliegen­pilzen zu sehen sind, alles kann Anlass für Geschichten werden, die sich an Details entspinnen.

Kürzlich begegnete mir das Wort »thigmotropism«: »Thigmotropism is the directional response of a plant organ to touch or physical contact with a solid object. This directional response is generally caused by the induction of some pattern of differential growth.« Etwas Ähnliches passiert bei Ute Behrends
sorgsam zusammengestellten »Zimmerpflanzen«: Sie verändern sich beim Kontakt, jede Doppelung produziert neue Deutungen, die zwingend erscheinen, und beim nächsten Betrachten, je nach Disposi­tion, eine andere Wendung nehmen können. Diese Offenheit ist kein Einwand gegen die Suggestiv­kraft der Kombi­nationen, sondern Ausdruck einer Heran­gehens­­weise, die von der Bandbreite fotografischer Weltbezüge profitiert. Und so darf es zwischendurch auch Bilder wie jenes der Eisblumen am Fenster geben. Neben klirrender Kälte erzeugen sie eine Schönheit, die sich auf überraschende Art im Kleid des
kleinen Mädchens auf dem Bild nebenan spiegelt. Sehr haptisch ist das einander sinnlich und inhaltlich ergänzende Bildpaar, man spürt die Strukturen der Eisblumen und erinnert sich möglicher­weise an das Gefühl, mit der Haut leicht hängenzubleiben, während man die Muster mit dem Finger nachzieht, und genauso versteht man, warum das Mädchen unter ihrem eisblumen­blauen Polyesterkleid ein Baumwoll­shirt trägt. Ute Behrends unsentimentaler Blick geht den Dingen auf den Grund, und manche Sujets scheinen da zu sein, damit sie sie in ihren Bildern wiederfindet.

English Text

… nothing but the first stirrings of terror

Dr. Kerstin Stremmel
Zimmerpflanzen by Ute Behrend

The title of Ute Behrend’s group of works and her book of the same name
suggests an instruction­al guide on how to conduct the careful greening of life, a sort of compendium of luxurious blooms. Houseplants can indeed be viewed along sociological lines, even if the era of the orangery is over; garden­ing books no less speak of the burgeoning interest during the 80s and 90s in the greenification of interior spaces in view of the increasing devastation of the environ­ment. A mass taking-flight is implied, possibly. It rarely seems to be successful though, the undertones are sceptical, a fiddle-leaf fig seems as equally aggress­ive as the rottweiler in the adjacent picture, the treat­ment of plants is not always loving, but tells the tale of neglect (dried-up palm) or of inveterate blunders in matters of taste (chrysanthemums): these plants in­cluding their little plastic pots have been immersed in hydro cultures to such an extent that they appear to be drowning.

In actual fact what we are really dealing with is a manual on how to see. One look at the photo­graphs—in which delightful motifs such a delicate pink flow­ers with yellowish-green, almost phosphorescent blossoms are rare—is clearly not enough. The reason for this is Behrend’s consis­tent decision to opt for pairs of images, one photo commenting upon or counteracting the other, and, alongside correspondences in colour, there are also contextual references, occasion­ally drastic ones.

A meadow with summer flowers is paired with the image of two traffic cones, between them—beneath a dark tarpaulin—a narrow rivulet of blood has trickled out across the brick pavement. The fact that the brickwork is arranged in the form of a cross is accentuated by the chosen framing of the shot. The flower motif in the adjacent image is lent a completely different dimension through the highly associative nature of this street scene, itself an evocative individual image in its own right, when the viewer now attempts to penetrate the tangle of fronds and blossoms in a counter glance—all of a sudden it has taken on something quite eerie, reminiscent of the apparently untroubled surface reality of a David Lynch film beneath which things are seething and redolent of the fact that menace is lurking at the heart of the idyll, indeed that beauty is sometimes really nothing but the first stirrings of terror. Images such as these exempli­fy just how far removed her conceptual approach is from the mere snapshot: research was necessary for the motifs that tell of everyday police-life, as indeed was the case with other subject areas in order to get to the bottom of particular matters, which only seem to find purchase the majority of our lives in the form of the tabloid headlines.

This feeling that an abyss lurks behind every façade is intensified by the admixture of internal and external shots: a curtain emblazoned with a flower­ed pattern veils the view of the greenery outside, the upper two thirds of the image are
completely obscured by an orange blind. The window is no longer a window on the world, but instead points the viewer back in the direction of him or herself and intensifies the effect of the second image whose scenario is at best equivocal:
if the woman’s arm resting on her hip can be taken to expresses a degree of
self-confidence, equally the man’s grip around the woman’s narrow upper arm appears too firm to be a truly gentle gesture—in every idyllic dream home a nightmare of violence and aggression. Behrend begins her search for material with police operations and sex trade shows, but is able to locate menace, or at least strange things, in less clearly classifi­able situations. Even the view of a
tree house, the only access to which seemingly a much too tiny step ladder, juxtaposed with the close-up of a woman’s torso (woman in a red dress with a green balloon), seems like an hermetic hideaway, and the quality of the works resides in the fact that any conclusions one might draw are left up to individual interpretation.

On occasion this gives rise to a brand of poetry shot through with reality, poetry with which anyone who knows Ute Behrend’s work is likewise fam­iliar. Already apparent in the »Märchen« series—which also contains classical ingredients of fairy tales such as fly agaric toadstools, forest clearings, spinning wheels, bears and deer—Behrend departs from photography’s reality principle in an original manner: nothing is every just what it appears to be on the surface, photo­graphy is a trace of what has been there, but at the same time a game of gestures and memories opens up beyond what was merely visible in front of the camera. And all of this takes place without a bombastic mise-en-scène, trusting in a capacity for memory, which is not merely accessible in the standard childhood repertoire of motifs. It calls upon experiences that one can feel physically when viewing the images: the feeling of being upside down whilst one is being securely held, discomfort when walking through dense shrubbery, the taste of forest fruits which can be seen directly juxtaposed with the deadly fly agaric toadstool, all of which can become the source of stories arising from details.

I recently encountered the term »thigmotropism«: »thigmotropism is the directional response of a plant organ to touch or physical contact with a solid object. This directional response is gener­ally caused by the induction of some pattern of differential growth«. Something similar happened with Ute Behrend’s care­fully compiled »Houseplants«: they change with contact, each and every doubling-up generating new meanings which appear to be compelling and at the next viewing, depending upon one’s particular disposition, can head off in a completely diffe­rent direction. This openness isn’t an objection to the suggestive power of the combinations, but rather the expression of an approach, which profits from the sheer bandwidth of photographic references to the world. And hence it is poss­ible for there to be images of floral frost patterns on windowpanes interspersed among the others. Alongside the shrill cold they produce a particular beauty that surprisingly is reflected in the dress of a small girl in the neighbour­ing image. The pair of images—complimenting one another both sensually and con­text­ually— take on a haptic quality; one feels the structure of the floral frost patterns and probably re­members the feeling of one’s skin sticking slightly when tracing the pattern with one’s finger across the pane, immediately understand­ing in the same way why the girl is wearing a cotton shirt beneath the polyester dress festooned with blue floral frost patterns. Ute Behrend’s unsenti­mental eye penetrates to the heart of the matter and yet certain subjects appear to be there in order for her to find them once more in her photographs.

Peter V. Brinkemper
Ute Behrend: Small Silent City

Fotografie sei nicht im Stande zu erzählen, so lautet ein landläufiges Vorurteil. Das bildliche Medium, zumal das unbewegte Einzelbild füge einem Text, einer gedruckten Information, Analyse oder einer Geschichte keine weitere Dimension hinzu, es könne sie allenfalls illustrieren. Andere behaupten dagegen, dass sich wahre, aber auch inszenierte und fiktive Begebenheiten, Geschichten und Erzählungen sehr wohl in prägnante Momente verdichten, in plastische Szenen und übertragene, poetische Bilder, die von sich aus bereits zur Visualisierung tendieren.

Ute Behrend verbindet in ihren Bildpaaren die prosaische Schilderung mit der poetischen Inszenierung. Die Schilderung setzt ein in der Bestandsaufnahme und Beschreibung der Bildgegebenheiten, doch sie geht durch subjektive Reflexion und kommentierende Brechung weit darüber hinaus. Die poetische Inszenierung wiederum nimmt die Situation, die sich als Bild ergibt oder zwischen möglichen Bildern andeutet, als Konstellation einer Idee, ohne die Bildinhalte bloß als gestelltes Arrangement zu verwerten.

Die Spannweite der Assoziationen reicht vom Realen und Alltäglichen bis zum Un- und Außergewöhnlichen, vom Naheliegenden bis zum Weithergeholten, vom Unerklärlichen bis zum Absurden, vom Imaginären bis zum Phantastischen, vom Naiven, Unmittelbaren bis zum Reflektiert-Sentimentalen. Sie wird aus der Energie der Bildpaare, ihrer Ikonen, visuellen Elemente, Haupt- und Nebenmotive heraus zu einer greifbaren und emotional nachvollziehbaren Erscheinung verdichtet. Visuelle Duette mit Empfindsamkeit und Weitblick, Nachsicht und Humor.

Die fotografische Abbildung und Erzählung sind bei Ute Behrend keineswegs starr, sondern in einem System von Tätigkeiten aufgefächert: Ihre schlummernden oder bereits ausgebrüteten Bildideen nähren sich aus der genauen Beschreibung von Objekten und ihrer divergenten Erscheinung, aus der stillschweigenden Schilderung von Situationen, der subtilen Charakterisierung von Perspektiven und Standorten, der Erschließung von fingierten und realen Ansichten, dem Anlegen von einfühlsamen, lebendigen Porträts. Auf diese Weise gelangt die Künstlerin zu einem Verbund von bildübergreifenden Haupt- und Nebenmotiven, welche die sprechende Begegnung der Bilder in Paaren ausdrücklich oder beiläufig, assoziativ oder zwingend gelingen lässt.

Entscheidend für den Stil von Ute Behrend ist der Verzicht auf von außen erzwungene Übertreibungen, was eine gelegentliche naturalistische Drastik oder emotional-literarische Symbolik innerhalb der Bildwelten und Porträts nicht ausschließt. Die Logik der Bilder besteht darin, Sehen und Handeln, Beschreiben und Behaupten, Erzählen und Fabulieren, Wahrscheinliches und Außerordentliches miteinander glaubwürdig oder paradox zu verbinden. Behrend sammelt, konstruiert, komponiert und montiert unentwegt, um ihren Bildern und Bildpaaren ein visuelles, dramaturgisches und literarisches Relief zu geben. Auf diese Weise verdeutlicht Behrend, wie aus dem Einerlei des Alltags und der Unscheinbarkeit der Erfahrung sich ein Fundus von Prägungen für die Phantasie, Imagination und Lebenskunst ansammelt.

Die dampfende Präsenz und die abgenutzte Schönheit vorgefundener Lebewesen und Modelle, die Entlegenheit der Dinge und die Verstiegenheit der Personen – all dies bewahrt Behrend vor dem falschen Pathos eines kitschigen Märchenlandes und einer hermetischen Erlebniswelt, in der die Wünsche jederzeit allzu willige Feen fänden. Der spielerische Weltzugang der fotografierten Motive verarbeitet den Druck und die Rauheit des quengeligen Alltags, um der Normalität in ihren kleinen und großen Gegenwelten eine poetische Wendung zu geben, die aus der Logik des Gegebenen oder der Absurdität des Kontrafaktischen erwächst.

Die Bildpaare folgen der Logik „klein/groß“, „small/City“, ohne die Richtung der Interpretation vorzugeben. Die Aufmerksamkeit für das Kleine wie das Große, überraschende Vorkommnisse der Verkleinerung und Vergrößerung sind hier relative und reversible Prozesse, sie funktionieren wie eine wechselnde psychische Bildschärfeneinstellung. Anfang und Ende könnten in jedem der Bilder enthalten sein, und die stille Mitte („silent“) der Geschichte bleibt in der Lücke der lakonischen Erzählung verborgen, um vom Zuschauer stellvertretend für die kleinen Helden und Heldinnen der fragmentarischen Fotoromanzen ergänzt zu werden. Die visuelle Umsetzung der Bildpaarungen enthält immer einen suggestiven Anstoß, die unterschiedlichen Perspektiven und Motive der Aufnahmen gegeneinander abzugleichen und den engen oder weiten narrativen Faden darin aufzunehmen. Indem Ute Behrend der nüchternen Bestandsaufnahme der Dinge und der feinen Charakterisierung der Personen den Vorrang einräumt, indem sie Subjekt und Objekt in ihrer Wörtlichkeit atmen und in ihrer Metaphorik von sich selbst singen lässt, verzichtet sie auf vorgefertigte Inszenierungen und simple Deutungsmuster. Sie setzt auf die unverstellte Performativität der Sachen und der Menschen. Sie weist auf Spuren hin, liefert Andeutungen, eröffnet Einblicke und erschließt Möglichkeiten. Aber sie legt kein fertiges Skript vor. Dadurch bewahrt jedes einzelne Bild, jede Szene das eigene Gewicht. Der Betrachter stößt auf Stein und Beton, Efeu und Plastik, begegnet Krokodil, Frosch, Schwan und Polizist; und gerät in die Position des kindlichen Forschers und des erwachsenen Interpreten, der das „Rätsel“ der bildgewordenen Geschichten, die Balance von Augenblick und Lebensalter, Natur und Technik, Gesellschaft und Architektur immer wieder neu erfinden und erkennen muss, um die erzählerischen Versionen und Varianten in ihren Korrespondenzen, Widersprüchen und Paradoxien auszukosten.

Bei Ute Behrend plaudert die Fotografie nicht aus, weil sie als Reportage aus dem Vergnügungspark für kleine Leute nichts weiter zu erzählen hätte. Das bildliche Medium, das nicht bloß bebildert, sondern sich einfühlt, kann den ihm eigenen Text, die implizite Szenerie und Geschichte nur in subtilen Fragmenten und wohl dosierten Andeutungen vermitteln, aus dem Dickicht des Alltags und über ihn hinaus, bis an den Horizont der Sehnsüchte, eine Story, die nicht nur ein Märchen wäre und die die Verwandlung der gewöhnlichen Dinge wie ein dringend erwartetes Wunder im Hier und Jetzt wahrnähme. Die Prägnanz guter Bilder ist auch in der Fotografie abhängig von der nicht sogleich entschlüsselbaren Poesie des Augenblicks.

Peter V. Brinkemper, Januar 2007

Dr. Barbara Engelbach
Ute Behrend – Märchen

Präsentation anlässlich des Toyota-Fotokunstpreises 2004

„Märchen sind mehr als Kindergeschichten ... Sie entfalten grundsätzliche Wahrheiten und Weisheiten. Wenn es ein kollektives Unbewusstes gibt, so sind Märchen sicherlich dort fest verankert und wer bereit ist, sich auf sie einzulassen, kann sie überall finden – wohlwissend, dass alles immer gut ausgehen wird.“ U.B.

Die Kölner Künstlerin Ute Behrend, geboren 1961 in Berlin, hat 2004 den alle zwei Jahre verliehenen Toyota-Fotokunstpreis erhalten. Sie konnte die Jury mit ihren Künstlerbüchern überzeugen, von denen bereits der Band „Girls, Some Boys and Other Cookies“ im Scalo-Verlag veröffentlicht ist und nun das Fotobuch „Märchen“ im Verlag der Buchhandlung Walther König erscheint. „Märchen“ ist auch die Präsentation im Museum Ludwig betitelt, für die Ute Behrend eine Auswahl von etwa 30 Fotografien aus der gleichnamigen Reihe traf.

Ob das tapfere Schneiderlein, seine Mitmenschen beeindruckt, weil diese annehmen, dass „Sieben auf einem Streich“ sich auf ausgewachsene Männer und nicht auf Fliegen bezieht, oder ob die Froschkönigin ihren Ekel überwindet und dem kalten glitschigen Reptil einen Kuss gibt – mit diesen bekannten Märchen sind Bilder verbunden, die jeder erinnert. Häufig sind es gerade die einfachen Erzählstrukturen der Märchen, die eine tiefere Weisheit erahnen lassen, welche bis heute Kulturwissenschaftler, Philosophen, Psychoanalytiker und Theologen beschäftigt. Solche Bilder sind jedoch in Ute Behrends Märchenbuch nicht zu finden. Ihre Fotografien illustrieren nicht Märchen, vielmehr greift die Künstlerin Märchenthemen auf, um neue Bilder zu (er)finden und diesen einen eigenen Assoziationsraum zu eröffnen.

Das Märchen der Froschkönigin erscheint zum Beispiel als Hand mit abgespreizten Fingern, bedeckt von einer grünglänzenden, glitischigen Farbmasse. Dieser Fotografie ist eine weitere gegenübergestellt, auf der zwei Mädchen in rosafarbenen Prinzessinnenkleidern zu sehen sind. Die eine hat ihren Rücken zur Kamera gekehrt, die andere ihr Gesicht mit den Händen bedeckt. Allusionen an das Märchen werden wachgerufen, ohne dass sich die Fotografien in einer linearen Erzählung auflösen ließen. Häufig findet Behrend ihre Motive im vertrauten Umfeld der Familie und des Freundeskreises, seltener bittet die Künstlerin Fremde, sie fotografieren zu dürfen. Alle Fotografien vermitteln eine Direktheit - nicht zuletzt über den unverwandten Blick der Porträtierten in die Kamera - , die die Frage unerheblich macht, ob es sich um gestellte oder gefundene Situationen handelt. Wie ihre Vorbilder, zum Beispiel Sally Mann, mit der sie das Interesse an Fotografien von Kindern teilt, Diane Arbus, deren Entdeckungen des Besonderen im Alltäglichen und der Verwandlung des Skurrilen zum Normalen auch in Behrends Fotografien zu finden sind, und Gary Winogrand, mit dem sie die Lust, im Flüchtigen das Allgemeingültige festzuhalten, teilt - wie diese setzt auch Ute Behrend auf die Evidenz des fotografischen Bildes.

Zugleich hat sich Ute Behrend eine eigenständige Position entwickelt, weil sie konsequent mit Bildpaaren arbeitet. Ihre Absage an das Einzelbild unterscheidet sich von Fotoreihen oder fotografische Sequenzen, für die die Auswahl der Bilder jederzeit neu zusammengestellt werden könnten oder in denen die Fotografie dem Film angenähert werden. Behrend legt ihre Bildpaare fest und behält sie in Publikationen und Ausstellungen bei. Als solche sind die Fotografien einander visuelles Echo oder Widerpart: Korrespondenzen und Gegensätze, inhaltliche wie formale Bezüge sind zu entdecken. Das visuelle Assoziationsvermögen wird gefordert, das den Sprachsystemen vorausgeht. Damit ermöglicht Ute Behrend ihren Bildpaaren einen emotionalen Resonanzboden, ohne dass sich verbalisieren ließe, wie Gefühle von Berührtsein oder Unbehagen in den Fotografien verankert sind. Das spannungsvolle Verhältnis der fotografierten Alltagssituationen einerseits zu den außerzeitlichen Erzählungen und Märchen, auf die Ute Behrend sich andererseits bezieht, wird in den aufgerufenen Assoziationen bewahrt – als ebenfalls einer Erkenntnis, die sich der Erfahrung und der Erinnerung verdankt und dem Bewußtsein entzieht.

Dr. Barbara Engelbach, Juni 2005

English Text

Dr. Barbara Engelbach
Ute Behrend – Märchen

Exhibition on the occasion of the Toyota-Fotokunstpreises / Toyota-Photography-Art-Award 2004

Fairytales are more than children’s stories... They display fundamental truths and wisdom. If there is a collective unconscious then fairytales are surely firmly anchored within it, and whoever is prepared to get involved in them can find them everywhere, knowing fully well that all will always end well.

Cologne-based artist Ute Behrend, born in 1961 in Berlin, has received the biennial Toyota Prize for Photography. She was able to convince the jury with her artist’s books, Girls, Some Boys and Other Cookies, published by Scalo and now Fairytales, appearing with Verlag der Buchhandlung Walther König.
‚Fairytales’ is also the title of her presentation at the Museum Ludwig, for which Ute Behrend has made a selection of ca.30 photographs from the series of the same name.


Whether it is the The Valiant Little Tailor, impressing his contemporaries because they interpret "Seven at one stroke!" to be referring to fully-grown men and not flies, or the princess in The Frog King getting over her feelings of disgust and giving the cold and slippy reptile a kiss – these well known fairytales are related to images that everyone recalls.
Often it is particularly the simple narrative structures of fairytales, conveying a sense of ‘deeper wisdom’, that is still occupying cultural philosophers, psychoanalysts and theologians today.
Such images, however, are not to be found in Ute Behrend’s book of FAIRYTALES. Her photorgaphs do not illustrate fairytales, but the artist picks up fairytale themes to find and discover new images and to give them their own associative space.


The fairytale, Frog King, appears, for instance, as a hand with outstretched fingers, covered in glossy green-coloured slime (alt: a slippy mass of paint). This photograph is opposed with another, on which two girls can be seen, sporting princess dresses. One has its back turned to the camera, the other its face covered with her hands. Allusions to the fairytale are being conjoured-up, without the photographs letting themselves be merged in a linear narrative. Behrend often finds her motifs in the intimacy of the associated area of her family or circle of friends and less frequently the artist might ask strangers if they be photographed.
All photographs convey a directness- partly due to the subject’s steadfast gaze into the camera- that renders the question superfluous, whether these are staged or real situations.
Like her idols, e.g. Sally Mann, with whom she shares the interest in photographing children, or Diane Arbus, whose discoveries of the special in the profane and whose metamorphoses of the droll to the normal also can be found in Behrend’s photographs. She also shares the interest in finding the universal in the fleeting, and like all of these Ute Behrend also banks on the (powers of) evidence of the photographic image


At the same time Ute Behrend has developed a position of her own, because of her consistency in working with pairs of images. Her rejection of the single image is distinct from rows of photographs or photographic sequences for which there could be a renewed selection or compilation at any time or in which photography approaches film.
Behrend has her pairs of images fixed and sticks to that arrangement in publications and exhibitions. As such the photographs are visual echoes of each other or counterparts: correspondences or contrasts, referred aspects of content and form are to be discovered. Visual powers of association that precede the language-systems are being encouraged. Thus Behrend enables an emotional sounding-board for her image pairs, without it being possible to verbalise how feelings of ‘being touched’ or of uneasiness are inherent in the photographs.
The tension in the relationship between recorded every-day situations on one hand, and the timeless narratives and fairytales to which Behrend refers to on the other, is being conserved in the associations that are called-up, as also a recognition that is informed by experience and memory and that escapes consciousness.


Dr. Barbara Engelbach, June 2005

Kerstin Stremmel
Die Kraft des Zaubers

Märchen von Ute Behrend

Aus den alten Zeiten, in denen das Wünschen noch geholfen hat, stammen Erzählungen, deren Fundus kollektiver Bilder uns noch immer prägt. Mittlerweile gelten Märchen durchaus wieder als bildmächtige, pädagogisch weitgehend unbedenkliche Geschichten mit identifikatorischer Wirkung, die die Phantasie anregen und unter bestimmten Voraussetzungen befreiend wirken können.
Auf einfache Formeln lassen sich Ute Behrends Bilder nicht bringen, ihr geht es nicht um moralische Appelle oder die Illustration spezifischer Handlungsstrukturen. Stattdessen entsteht durch ihre Zusammenstellung von jeweils zwei Bildern ein verführerisches Spiel der Assoziationen. Dabei geht Behrend nicht historisierend vor, ihre Bilder simulieren keine ins Sentimentale gleitende, märchenhafte Vergangenheit: Die Mädchen, von der Fotografin mit besonderer Sensibilität erfasst, tragen glitzernde Polyesterkleider oder mit Blumen geschmückte Flip Flops, auf einer Torte steht ein Brautpaar aus Plastik, und in der Hand eines Kindes ist ein Ikea-Trinkbecher zu sehen. Zauber entsteht dennoch, wenn man vom Handtuch mit Rosenmotiv, mit Plastikklammern an einer Wäscheleine befestigt, über ein geknüpftes Rosenbild hin zu einem echten Rosenstrauch zu einem Mann mit einem Pressluftbohrer blättert. Alte Motive tauchen in neuen Zusammenhängen auf, man erinnert sich an die Rosenfülle um Dornröschens Schloss herum und die zum Scheitern verurteilten Versuche einer Befreiung durch rohe Kraft: Ein Bohrer kann tausendjährigen Schlaf nicht beenden. Alles kann Anlass für derart phantastische Assoziationsketten sein und erinnert an die beliebten Kinderspiele im Konjunktiv: "Ich wäre jetzt wohl ...und du würdest dann wohl..." – eine Erlösung der Prinzessin ist nicht ausgeschlossen.
Durch ihre Bilder, in denen auch klassische Märcheningredienzien wie Fliegenpilze, Waldlichtungen, Spinnräder, Bären und Rehe auftauchen, verabschiedet Behrend das Realitätsprinzip der Fotografie auf originelle Weise: Nichts ist nur was es scheint, die Fotografie ist zwar eine Spur des Dagewesenen, zugleich eröffnet sich ein Spiel mit Gesten und Erinnerungen weit über das hinaus, was vor der Kamera zu sehen war. Und all das geschieht ohne pompöse Inszenierungen, im Vertrauen auf ein Erinnerungsvermögen, das nicht nur im kindlichen Repertoire abrufbar ist. Es appelliert an Erfahrung, die beim Betrachten der Bilder körperlich spürbar wird: das Gefühl kopfüber zu hängen, während man sicher gehalten wird, Unbehagen beim Durchstreifen dichten Gebüschs, der Geschmack der Walderdbeeren, die direkt neben gefährlichen Fliegenpilzen zu sehen sind, alles kann Anlass für Geschichten werden, die sich an Details entspinnen. Leitmotivisch scheint das mit dem ersten Bild eingeleitet zu werden, der älteren Dame mit dem kleinen Mädchen am Spinnrad,
Die Magie der Bilder entsteht durch dieses Beiläufige, fast wie im Gehen Gemachte, bei dem mit jedem Schritt Geheimnisse entdeckt und, in einer gewissen Komplizenschaft mit dem Betrachter, gewahrt werden. Vielleicht kann aus Stroh ja tatsächlich Gold gesponnen werden, ganz so wirkt es jedenfalls auf Behrends Bildern, angesichts deren man sich bei der Überlegung ertappt, ob man nicht versuchsweise einen Frosch an die Wand werfen sollte. Keine schlechte Idee auch, noch mal rote Glitzerschuhe überzustreifen, auf etwaige Zeichen zu achten und die Erinnerung an Heimlichkeiten und Gefahren, Abenteuer und Erlösung zu bewahren. In den Fotografien ist diese Erinnerung aufgehoben und will nicht entzaubert werden.


Kerstin Stremmel, April 2005

"Photnews" Juli/August 2004
Neue Märchen und Zimmerpflanzen
Sabina Schmidt Galerie, Köln
05.06.-04.9.2004

von Dennis Brudna

Märchen sind kein wirkliches Tagesthema. Für Hexen, Kobolde, Prinzessinnen allerlei Fabelgetier ist außerhalb des Reservates einer kindlich naiven Seelenwelt nur wenig Platz. Obgleich sie häufig als alltagsdienliche Allegorien und weisheitgesättigte Erfahrungssedimente wissenschaftlich aufgewertet werden, kommen sie gegen die märchenhaft verworrene Wirklichkeit nicht an. Ein Marketing - Problem-. Denn die, die uns täglich via Medien und realpolitischen Kleinkunstbühnen mit moderne "Märchen" versorgen, verfügen offensichtlich über weit raffinierter Erzählweisen als die naiv aufrechte Märchenwelt mit ihren überschaubaren Gleichungen zwischen Gut und Böse, Moralisch und Unmoralisch oder Hässlich und Schön.
Obgleich Ute Behrend gerne Geschichten erzählt, ist sie dennoch keine typische Märchentante, die sich damit begnügt, mit Hilfe ihrer Fotografien die heile Märchenwelt nachzuzeichnen. Ihr Konzept, bestimmt von Parallelitäten und grenzenloser Phantasie im Umgang mit visuellen Fundstücken, ist vielmehr eine anregende Einladung, in ein real-irreales Märchen, das nicht zwingend als Gutenachtgeschichte fungiert. Angelehnt an die Symbolik der bekannten Märchen sucht Ute Behrend auf ihren Wanderungen durch die visuelle Wunderwelt einerseits nach der typischen Romantik des tiefen Waldes, fixiert alle vorgefundenen Klischees und Assoziationen, ist aber als sensible Beobachterin zugleich in der Lage, die süßliche Märchenwelt zu öffnen und mit der realen Welt zu konfrontieren. Die entstandenen Paarungen, mit denen Ute Behrend ihre Geschichten kurzweilig erzählt, pendeln zwischen klar erkennbarer Symbolik der bekannten Märchengeschichten - mit Prinzessinnen und Prinzen, Rosenbüschen, Fröschen oder dem Wolf, als Inkarnation des Bösen, des Bedrohlichen - und einer intelektuellen, gelegentlich kryptisch anmutenden Subebene, mit aus der profanen Welt entliehenen Zeichen und Symbole, aus deren Mischung oft ein neuer, interessanter Kontext entsteht. In einem ausbalancierten Spiel aus Sein und Schein und den vom Betrachter beigesteuerten Assoziationen entsteht somit eine beeindruckend dichte Erzählung voll überraschender Momente.
Ute Behrend, geb.1961 in Berlin, ist über Jahre ihrem Konzept der Paarung von Bildern treu geblieben. Entstanden sind u.a. die Zyklen "Girls, Some Boys and Other Cookies" (1996, als Buch bei Scalo erschienen) sowie "Zimmerpflanzen" und "Märchenwelt" (2003 parallel produziert). Bei allen bisherigen Arbeitenf ällt der routinierte und phantasievolle Umgang mit teilweise inhaltlich wie formal konträrem Bildmaterial auf, das Ute Behrend jeweils über längere Zeit fotografiert, sammelt und im aufwändigen Prozess zusammenführt.

Dennis Brudna "Photnews" Juli/August 2004

Katalogtext
dem Engel auf der Spur
Nassauischer Kunstverein, Wiesbaden 2003

Was haben "Astronauten " im Rhein mit einer unter einer Palme zerborstenen Lampe zu tun?
Und was eine schlafende Partygängerin neben einer Wiese mit blühendem Wollgrass? Zunächst einmal gar nichts. Es entspricht jedoch der künstlerischen Vorgehensweise von Ute Behrend, völlig voneinander unabhängiges Bildmaterial in sorgfältig ausgewählte Bildkombinationen zu fügen. In diesen dialogischen Kompositionen treten Geschichten ans Licht, die ausschließlich aus der imaginären Vorstellungswelt der Künstlerin geboren sind. Sie gerät dabei zu einer Spurenlegerin, deren fiktive Bilderzählung wiederum zum Schlüssel wird für die Vorstellungskraft des Betrachters. Wir werden in einen Erzählraum gelockt, der jenseits des sichtbar Dargestellten eine eigene Poesie und Sprache entfaltet. Der fotografische Duktus ist dokumentarisch. Erlebte Szenen, gefundene, nicht gestellte Motive werden schnappschussartig auf Zelluloid gebannt. Aus diesem Bilderschatz komponiert Ute Behrend ihre endgültigen Werke, in denen sich nicht selten Bekanntes, an sich Unspektakuläres paart und zu erstaunlichen, oft auch humorvollen Zusammenstellungen vermählt. Wurden wir in den Fotografien von Cindy Sherman und Wolfgang Tillmanns zu Voyeuren einer dem "Normalbürger" gemeinhin verschlossenen Gesellschaft, so sind wir hier grundsätzlich Reilhabende an jener Welt, in der Ute Behrend ihre Motive rekurriert. Brüche manifestieren sich in der fragmentierten Erzählweise ihrer Werke, die korrespondieren mit der Lebenserfahrung einer Generation, deren Sichtweisen durch Massenmedien, Globalisierung und Popkultur geprägt sind. Moderne Märchen, keine linearen Geschichten werden hier erzählt, augenzwinkernd und mit einem ausgeprägten Sinn für die assoziative Kraft der Bilder. In Behrends Arbeiten blitzt jene Erfahrungsmöglichkeit auf, die auf eine andere Sinnebene verweist als die rein faktische Lesbarkeit der abgebildeten Realität. Ihre Arbeiten sind ein Aufforderung an uns, diese Welt zu betreten.

Josefine Raab,Nassauischer Kunstverein

...Um gute Geschichten zu erzählen, braucht man ein vielseitiges Vokabular und ein gutes Gespür für den spannendsten Augenblick. Die Fotografin Ute Behrend ist eine Geschichtenerzählerin, nur daß sie an Stelle von Worten die Kamera benutzt. Dabei nimmt sie nicht einfach nur irgendwelche erzählerischen Momente auf, sondern sie stellt sich am Anfang jeder neuen Serie selbst ein Thema. An dem forscht sie dann lange Zeit herum, recherchiert und sucht passende Bilder dazu......

Silke Hohmann, Frankfurter Rundschau, 13.7.02

...Ihr assoziativer Grundgestzs findet scheinbar eine Fortstzung in der Serie "Märchen.Fairy Tales" von Ute Behrend. Sie stellt Bildpaare vor, die auf die kindliche Phantasiewelt zurückweisen, an geträumte und erinnerte Szenerien aus allseits bekannten Märchen anknüpfen. Die hinzugestellten, im weitesten Sinne porträthaften Aufnahmen verstärken den Aspekt von Unglück und Verlorenheit, der in den Märchenszenerien vorherrscht: Reminiszenzen an keineswegs idyllische Verhältnisse und angsterfüllt kindliche Erlebnisse, die retrospektiv zumeist von Erinnerungen an familäre Behausungen und Geborgenheit überdeckt werden....

Photo News 7/02 zur Asstellung "Heimat" im Kunsthaus Dresden

Katalogtext
"Kunst macht Schule"
Ein projekt der Staatskanzlei des Saarlandes - Stabstelle Kultur
Saarbrücken 03/2002
Assoziative Fotgrafie

Im Unterschied zum gemalten Bild wird einem Foto meist ein höheres Mass an Authentizität und Dokumentation zugewiesen, da es vorgibt, einen Ausschnitt der Realität wiederzugeben. Stärker als die Malerei, die deutet, scheint die fotografische Darstellung neutral zu berichten. Für Ute Behrend ist die Fotografie dagegen in erster Linie ein erzählendes Medium. In ihren Fotoarbeiten entstehen "Erzählungen" dadurch, dass 2 Bilder in einen Dialog miteinander gebracht werden. Behrend stellt im Foto festgehaltene Realitätsausschnitte mit einem sensiblen Blick für aussagefähige Bezüge negeneinander. Ihre Aufnahmen, die sich durch intensive Farbigkeit und ausgeprägte Lichtkontraste auszeichnen, zeigen Menschen, meist Mädchen, Frauen, Kinder, Natur oder auch banale Dinge der alltäglichen Lebenswelt in beiläufig wirkenden Situationen. Indem Behrend auf den ersten Blick unzusammenhängende Bilder gezielt miteinander kombiniert, erreicht sie einen irritierenden, häufig auch ironischen Kommentar, der neue Assoziationen freisetzt.

Vera Gliem

Märchenwelt
Sabina Schmidt Galerie, Köln
5.11.1999-29.2.2000

von Wolfgang Vollmer/Camera Austria 70/2000

"Märchen und Zimmerpflanzen" ist der Titel der aktuellen Ausstellung von Ute Behrend bei der Sabine Schmidt Galerie in Köln. Was hat Hans im Glück mit einem Gummibaum zu tun? Der ungewöhnliche Titel verweist auf zwei Positionen unseres Lebensraums. "Märchen" steht wohl für die vergangene und erträumte Welt voller Erinnerungen, vielleicht den mentalen Rucksack, mit dem wir uns auf unserem Weg in die Zukunft auseinandersetzen müssen. "Zimmerpflanzen" scheint dagegen für die von uns erschaffene eigene Wohnwelt, voller Privatheiten, begrenzt und intim zu stehen. Der Rückzug hier her ist die Wiederholung unserer mitgebrachten Wünsche auf anderer und selbstbestimmterer Ebene. Die notwendige Distanzierung zur Aussenwelt erlaubt nun die Realisierung einer eigenen Wohnwelt-Ausschmückung.
Diese mit direkter Emotion geformte Sichtweise der Dinge ist in Ute Behrends Bildern immer wieder Thema: Der aufregende Werdegang eines Mädchens vom Kind zur Frau oder die unverblümte Rolle der selbstbewussten Messe-Damen für Erotik (siehe: Girls,some boys and other cookies, Scalo sowie Camera Austrie 64 S.93). Jedesmal sind ihre Arbeiten geprägt vom direkten Miterleben und von der Suche nach dem Gehalt dahinter. Sie spürt mit einer eigenen Formensprache Orte und Zeichen auf, sucht Signale und scheinbare Zufälligkeiten. Die Fotografin hat für ihre Kunst eine Form gefunden, die dem Medium und ihrer Intention ideal entspricht.
Jede Arbeit besteht aus zwei gleichgrossen Fotos, und der Betrachter kann gar nicht anders und beginnt zwischen diesen beiden Bildern hin und herzupendeln, Verbindungen herzustellen und Vergleichbares zu suchen. Das Entdecken dieser hinter dem ersten Anschein liegenden Bedeutungsebene ist nicht vorgegeben und festgelegt, sondern bleibt offen.
Ute Behrends Arbeiten sind mit privater Kamera aufgenommene Szenen, Details des täglichen Lebens: Personen, Kinder, Pflanzen, Haushaltsgegenstände und Möbel. Der Blick ist liebevoll emotional und subjektiv. Die beiden Fotografien lösen etwas aus, das auch unsere Erinnerung wach werden lässt.Ein Vorhang, ein Teppich ruft zeiten, Geschehnisse und Erinnerungen unserer Jugend wach. Und es stellen sich nicht nur Erlebnisse vergangener Tage ein, sondern auch die damaligen Wünsche und Vorstellungen über unsere Zukunft, der naive verträumte Blick aus einem behüteten Umfeld heraus mit Illusionen und märchenhaften Idealen.
Ute Behrends Auseinandersetzung mit ihrer eigenen Geschichte scheint exemplarisch zu sein. Ein Flokati ist eben nicht nur ein Fussbodenbelag der Siebziger! In einer eigenen Sprache erzählen ihre Bildpaare von den erfolglosen Versuchen, den Ballst der Erinnerungen abzuschütteln und den Stimmungen der Vergangenheit zu entfliehen. Sie fordern auf diesen Traum weiterzuträumen und zu akzeptieren, Ute Behrend gelingt hier ein romantischer Exkurs in die tiefgründigen Landschaften unserer Gedanken und Gefühle.

...ein bisschen fühlt man sich wie Gulliver, in einer Bildwelt zwischen Traum und Wirklichkeit, Künstlichkeit und Realität. Fehlt nur noch, dass die gute Fee mit den drei Wünschen vorbeirauscht...

Stadt Revue 1/00 zur Ausstellung "Märchen und Zimmerpflanzen" ,
Sabine Schmidt Galerie,Köln

...Stein führte ein Frauenleben par excellence, indem sie ihre Kindhaftigkeit bewahrte. Sie trug rustikale Sandalen und keine fürchterlichen Kampfstiefel a la Tank Girls. Die junge Kölner Fotografin Ute Behrend ist jedoch überzeugt, daß "mutige Mädchen vernünftige Schuhe brauchen, damit sie abhauen können, wenn es gefährlich wird". Allein dieser und nur dieser Satz ziehrt ihren Fotoband "Girls some boys and other cookies": Eine lebensnahe und unpretentiöse Bestandsaufnahme des weiblichen Erwachsenwerdens in den neunzigern. Der Satz ist auf eine Fotografie gedruckt, die nicht Dornröschen , sondern eine vollbusige Frau im engen, weißen Partykleid zeigt, ihre in Nylonstrümpfe gehüllten Beine enden in weißen Stöckelschuhen. Abhauen als Stolperparcours? Nicht erst seit Thelma und Louise ist das ein Frauenthema.
Girls: Ein fotografietaugliches Leben, das nach poetischen, lieblichen und bunten Bildern von kleinen "Prinzessinen" und sexuell noch unreifen Frauen schreit, garniert mit Tieren, Blumen und anderem Tand. Behrend thematisiert ganz direkt diesen von konventionen und Klischees befrachteten weiblichen Alltag. Die Bilderabfolge thematisiert denn auch den Übergang von den kindlichen Freiheiten zur Determiniertheit der Rolle als Frau. Sammlungen von benutzten Tampons, wie dies feministische Bad Girls genüßlich präsentieren würden, bleiben einem erspart. Kultivierte Rollenmodelle geraten jedoch dennoch ins Wanken. In den Fotos schimmert keine Aufklärung oder Psychologie durch, vielmehr wird die Welt aus der Froschperspektive angeschaut: nicht wie sie sein sollte und leider nicht ist, sondern wie sie erlitten und erlebt wird, nämlich schräg.
Ute Behrends Bucherstling ist ein fotografischer Glücksfall. Ein Buch, das das poetische Gesetz, nach dem das Schwere leicht zu machen sei und das Wichtigste nur nebenbei verhandelt werden darf, auf den Kopf stellt: Das kleine und gewöhnliche wird lebensgross. Wenn die Mädchen in diesem Buch eine eigene Gestalt annehmen, dann mag das mit der Gefühlskindlichkeit der Fotografin zu tun haben. Behrend kann die emotionalen Grössenverhältnisse von unten wahrnehmen, und sie beherrscht die seltene Kunst, Kindern auf Kniehöhe zu begegnen und nicht von oben herab.
Das Buch bringt das ästhetische Gleich-Gewicht vom Blick in die Wolken und vom spielenden Mädchen , vom Rehlein im Schneewald,und von der unscharfen Barbiepuppe, von umgeschnallten Plastikbrüsten und an Türklinken hängenden Babyschnullern sowohl authentisch wie auch sentimental, sowohl unmittelbar wie auch poetisch in eine kluge Balance. Linkes und rechtes Motiv stehen auf einer Doppelseite nicht in einem abstrakten oder gar sinnlosen Zusammenhang, sondern vermischen sich zu sorgsam codierten Bildpaaren. Keine Muttertagsfotografie. Keine rosarote Babywelt. Kein feministischer Bildersturm. It`s a girls world!...

Paolo Bianchi,Pubertät der Ästhetik, Assoziationen im Spiegel von Kindheit, Selbstsubversion, Techno und Familie, Kunstforum Bd. 135 Okt. 96-Jan.97

..."Girls, some boys and other cookies" ist ein kurzweiliger und immerwieder überraschender Gegenentwurf zur vorherrschenden, medial aufgeschäumten Heiterkeit, die unsere Sichtweise auf das Leben, die Liebe, die Welt diktiert...

Martin Zitzlaff, Kölner Stadtanzeiger 24/25.8.96

...ein buntes Bilderbuch über Mädchen, das fast zur Hälfte mit träumerischen Blüten bestückt ist, läßt billigen Kitsch befürchten. Die Kölner Fotografin Ute Behrend jedoch macht aus der abgedroschenen Metapher lebensprallen Realismus. Girlies und Vamps, Märchenprinzessinen und Rotzgören spielen knutschen und zeigen sich auf Schnappschüssen, deren Buntheit in exakter Laborarbeit gesteuert wird. So sehen wir in den schönsten Farben auf der letzten Seite den sprichwörtliche Hahn im Korb: hier ein hilfloses Gummitier, dem der Schnabel mit einem Sektkorken gestopft wurde – etwa von einem Mädchen?...

Andrteas Langen, Die Woche 12.7.96

...diese Paarung von Ereigniss und Banalität erscheint vollkommen selbstsicher, ihre Ansammlung ist nicht beliebig, ihre "Dekonstruktion" von Öffentlichkeit nicht konzeptionell überlastet.Wenn man so will, eine ausschnittartige Korrespondenz von Leben und medial geprägter Öffentlichkeit, von Alltag und den kurzen Momenten, die in der Art wohl nur von der Fotografie übertragen werden können. Klug gesehen, richtig konzipiert und mittels aufgeladener Ästhetik und reduzierter Zitattechnik intelligent zusammengesetzt wirken die Bilder sehr überzeugend...

Matthias Lange Pakt 3/96

...Ihr assoziativer Grundgestzs findet scheinbar eine Fortstzung in der Serie "Märchen.Fairy Tales" von Ute Behrend. Sie stellt Bildpaare vor, die auf die kindliche Phantasiewelt zurückweisen, an geträumte und erinnerte Szenerien aus allseits bekannten Märchen anknüpfen. Die hinzugestellten, im weitesten Sinne porträthaften Aufnahmen verstärken den Aspekt von Unglück und Verlorenheit, der in den Märchenszenerien vorherrscht: Reminiszenzen an keineswegs idyllische Verhältnisse und angsterfüllt kindliche Erlebnisse, die retrospektiv zumeist von Erinnerungen an familäre Behausungen und Geborgenheit überdeckt werden....

Photo News 7/02 zur Asstellung "Heimat" im Kunsthaus Dresden